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Der nebenstehende Text von Katharina Hagena wurde als Andacht im Rahmen unseres Benefiz-Auftrittes zugunsten der Erdbeben-Opfer in Pakistan am 18. Dezember 2005 gelesen.

 

Wir danken ihr herzlich für ihre Mitwirkung und freuen uns, Sie auf ihre Bücher hinweisen zu können (bitte anklicken, um Details in einem neuen Fenster zu öffnen):

 

Was die wilden Wellen sagen - Der Seeweg durch den Ulysses, Katharina Hagena, marebuchverlag, Hamburg 2006 (ISBN 3-936384-92-4)

 

Der Geschmack von Apfelkernen, Katharina Hagena, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008 (ISBN 3-462039-70-9)

 

 



Follow the Star


Viele, sehr viele deutsche Kinder sehen sich schon in zartem Alter einer schwerwiegenden Frage gegenüber. Nämlich der Frage, ob sie wissen, wie viel Sternlein stehen. Und das meistens auch noch kurz vor dem Einschlafen!
Da ist es gut, noch in derselben Strophe zu erfahren, dass Gott die Sternlein gezählet hat. Und dass ihm auch nicht eines fehlet.

(Vielleicht ist es dann aber nicht überraschend, wenn man später, im Mathematikunterricht, beim kleinsten Anblick einer ganzen großen Zahl auf der Stelle vom Schlaf übermannt wird. Doch das ist eine andere Geschichte).

Sterne geben „Zeichen und Zeiten“ heißt es in der Genesis. Sie weisen den Schiffen den Weg durchs nächtliche Meer, und wenn sie vom Himmel fallen, darf man sich was wünschen.
Sterne in ihrer ganzen großen Zahl haben schon immer die Gemüter der Menschen beschäftigt, ja der Sternenhimmel ist oftmals selbst ein Bild für das geistige Licht, das die Finsternis um sich herum durchbricht. Zwar nicht gewaltig und allumfassend wie die Sonne, aber doch beharrlich und irgendwie hoffnungsfroh.
Hoffnungsfroh können wir auch versuchen, nach den Sternen zu greifen, und selbst wenn dieses Unterfangen nicht immer erfolgreich ist, so sollten wir es deswegen nicht unbedingt bleiben lassen.

Der Stern prägt die Bilder unserer Sprache und damit unser Vorstellungsvermögen.

So verbirgt sich beispielsweise im Ursprung des Wortes KONSTELLATION eine bestimmte Ordnung von Sternen, (stella, lat. Stern), von denen man glaubte, sie würden auf das Schicksal der Menschen einwirken. Das gleiche gilt auch für das Wort DESASTER, da steckt „aster“ drin, das griechische Wort für Stern. Und ein Des-ASTER wäre dann eine unheilvolle SternenkonSTELLAtion. Unsere ASTER ist die „Sternblume“, eine Blume, die eben auch noch blüht, wenn es kalt und finster wird. Und deren strahlenförmige Blütenblätter - ähnlich tapfer wie die Sternlein am blauen Himmelszelt – auch noch in totgesagten Parks und dunkler werdenden Gärten leuchten.

Jetzt, in der Weihnachtszeit, sind Sterne in ihrer ganzen großen Zahl allgegenwärtig. Nicht nur weil es länger dunkel ist und die Sterne daher viel länger zu sehen sind als sonst, sondern weil es den Stern gibt, den einen, den nie vorher gesehenen Stern.

Und wir brauchen diesen Stern gerade jetzt. If you follow the star, heißt es in unserem Lied, „wenn du dem Stern folgst“, dann wirst du Licht, Liebe, Kraft und Stärke selbst in deiner dunkelsten Stunde erfahren. (...that gives you strength in your darkest hour).

Und wenn der Stern dort leuchtet, wo es dunkel ist, und die Hoffnung auf ihn, nein, besser noch der Glaube an ihn, dort aufschimmert, wo Angst ist, dann wird vielleicht deine dunkelste Stunde zu einer Sternstunde.

 

* * * * * * *

 

Eine Sternstunde ganz anderer Art erlebt Wilhelm Meister in Goethes gleichnamigem Roman, als er die Sternwarte eines Astronoms hinaufklettert, und „allein auf die völlig freie Fläche eines runden hohen Turmes“ hinaustritt:
„Die heiterste Nacht, von allen Sternen leuchtend und funkelnd, umgab den Schauenden, welcher zum erstenmale das hohe Himmelsgewölbe in seiner ganzen Herrlichkeit zu erblicken glaubte. Denn im gemeinen Leben, abgerechnet die ungünstige Witterung, die uns so oft den Glanzraum des Äthers verbirgt, hindern uns zu Hause bald Dächer und Giebel, auswärts bald Wälder und Felsen, am meisten aber überall die inneren Beunruhigungen des Gemüts, die, uns alle Umwelt mehr als Nebel und Misswetter zu verdüstern, sich hin und her bewegen.“

Und so geht es uns schließlich auch manchmal, wenn wir versuchen, unserem Stern, unserer Berufung, unserem Ziel, unserem Glauben, zu folgen: Oft sehen wir gar nicht, was wir da genau vor Augen haben, weil uns „innere Beunruhigungen“ umtreiben und unser Gemüt „verdüstern“, wie es bei Goethe heißt. Wie oft sehen wir Sternchen, aber nicht den Stern.

Wilhelm Meister geht es ähnlich, benommen hält er sich die Augen zu: „Was bin ich gegen das All?“ sagt er.

Diese Verlorenheit, die eigene Beliebigkeit, seine im ganz wörtlichen Sinne Gleich-Gültigkeit angesichts des funkelnden Nachthimmels wird Wilhelm Meister offenbar und erschreckt ihn. Ein unermesslich kalter und unbewohnter Himmel klafft über ihm wie ein Abgrund. Dies ist nicht das gemütliche, blaue Himmelszelt, in dem Gott alles gezählet hat und auch dich kennt und dich lieb hat.

Doch Wilhelm fängt sich, wendet sich nach innen und nimmt die Erhabenheit des Sternhimmels zum Anlass, sich und seine Werte zu überprüfen. Und er erkennt, dass selbst sein winzig kleiner Beitrag zur kosmischen Harmonie ebenso wenig fehlen darf wie das schwächste Sternlein aus unserem Abendlied.

Irgendwann schläft Wilhelm ein, doch dann will ihm der Astronom den Morgenstern zeigen.

„Geweckt von dem Sternkundigen sprang Wilhelm auf und eilte zum Fenster; dort staunte, starrte er einen Augenblick, dann rief er enthusiastisch: ‚Welche Herrlichkeit! Welch ein Wunder!’ Andere Worte des Entzückens folgten, aber ihm blieb der Anblick immer ein Wunder, ein großes Wunder.“
Und der Astronom erwidert darauf:
„’Daß Ihnen dieses liebenswürdige Gestirn, das heute in Fülle und Herrlichkeit wie selten erscheint, überraschend entgegentreten würde, konnt ich voraussehen, aber das darf ich wohl aussprechen, ohne kalt gescholten zu werden: kein Wunder seh’ ich, durchaus kein Wunder!’
‚Wie könnten Sie auch?’ versetzte Wilhelm‚ da ich es mitbringe, da ich es in mir trage, da ich nicht weiß, wie mir geschieht.’“

Das Gefühl von Verlorenheit angesichts der Sterne weicht zugunsten der Begeisterung für den einen Stern. Und mit ihm erwacht das Bewusstsein, dass der Kosmos vielleicht nicht für den Menschen gemacht ist, der Mensch aber eben auch nicht darin verloren geht! Gott, heißt es in Psalm 147, „zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen“. (Genauso wie dich selbst und deinen kranken Nachbarn auch.) Stern und Mensch, beide Teil der göttlichen Schöpfung, könnten nicht weiter von einander entfernt sein und sind sich doch für einen Moment so nah. Dieser Moment ist eine wunderbare Erfahrung, „ein Wunder, ein großes Wunder“. (Der Schriftsteller James Joyce verwendet für solche Momente übrigens den theologischen Begriff „Epiphanie“, was soviel heißt wie „göttliche Erscheinung“).

Vielleicht ist der Morgenstern selbst kein Wunder, aber das, was sein Anblick in uns auslöst, kann eines sein. Wir bringen das Wunder mit, wir tragen es in uns. Und es bedarf nur eines Sterns zur richtigen Zeit am richtigen Ort, damit es zu so einem Wunder kommt. Damit sein Licht in uns scheinen kann, damit Gott darin ER-scheinen kann, unsere dunkelste Stunde erhellt und sie zur Sternstunde macht.

Der Stern zu Bethlehem, der nie vorher gesehene Stern, der Stern, der die Weisen zum Kind führte, war genau so einer. An Weihnachten wird uns noch mal ganz klar, ja sternenklar, dass wir ihm getrost folgen sollen, diesem Stern. Dass wir an ihn glauben können. Dass er für jeden von uns leuchtet. Und zwar wirklich für jeden Einzelnen: nicht einer von uns fehlet, trotz unserer ganzen großen Zahl.

 


(Katharina Hagena)

 




 

An die Sternen   1.Mose
von Andreas Gryphius   1,13-18


Ihr Lichter, die ich nicht auf Erden satt kann schauen,
Ihr Fackeln, die ihr Nacht und schwarze Wolken trennt,
Als Diamante spielt und ohn Aufhören brennt,
Ihr Blumen, die ihr schmückt des großen Himmels Auen,

Ihr Wächter, die als Gott die Welt auf- wollte-bauen,
Sein Wort, die Weisheit selbst, mit rechten Namen nennt,
Die Gott allein recht mißt, die Gott allein recht kennt,
(Wir blinden Sterblichen, was wollen wir uns trauen!)

Ihr Bürgen meiner Lust, wie manche schöne Nacht
Hab ich, indem ich euch betrachtete, gewacht?
Herolden dieser Zeit, wenn wird es doch geschehen,

Daß ich, der eurer nicht allhier vergessen kann,
Euch, derer Liebe mir steckt Herz und Geister an,
Von andern Sorgen frei werd´ unter mir besehen?

 


Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag. Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheinen Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so.

Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.

Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde

und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis.

Und Gott sah, dass es gut war.
 




 

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