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Viele, sehr viele deutsche Kinder sehen
sich schon in zartem Alter einer schwerwiegenden Frage gegenüber. Nämlich der
Frage, ob sie wissen, wie viel Sternlein stehen. Und das meistens auch noch kurz
vor dem Einschlafen!
Da ist es gut, noch in derselben Strophe
zu erfahren, dass Gott die Sternlein gezählet hat. Und dass ihm auch nicht eines
fehlet.
(Vielleicht ist es dann aber nicht
überraschend, wenn man später, im Mathematikunterricht, beim kleinsten Anblick
einer ganzen großen Zahl auf der Stelle vom Schlaf übermannt wird. Doch das ist
eine andere Geschichte).
Sterne geben „Zeichen und Zeiten“ heißt es
in der Genesis. Sie weisen den Schiffen den Weg durchs nächtliche Meer, und wenn
sie vom Himmel fallen, darf man sich was wünschen.
Sterne in ihrer ganzen großen Zahl haben
schon immer die Gemüter der Menschen beschäftigt, ja der Sternenhimmel ist
oftmals selbst ein Bild für das geistige Licht, das die Finsternis um sich herum
durchbricht. Zwar nicht gewaltig und allumfassend wie die Sonne, aber doch
beharrlich und irgendwie hoffnungsfroh.
Hoffnungsfroh können wir auch versuchen,
nach den Sternen zu greifen, und selbst wenn dieses Unterfangen nicht immer
erfolgreich ist, so sollten wir es deswegen nicht unbedingt bleiben lassen.
Der Stern prägt die Bilder unserer Sprache
und damit unser Vorstellungsvermögen.
So verbirgt sich beispielsweise im
Ursprung des Wortes KONSTELLATION eine bestimmte Ordnung von Sternen, (stella,
lat. Stern), von denen man glaubte, sie würden auf das Schicksal der Menschen
einwirken. Das gleiche gilt auch für das Wort DESASTER, da steckt „aster“ drin,
das griechische Wort für Stern. Und ein Des-ASTER wäre dann eine unheilvolle
SternenkonSTELLAtion. Unsere ASTER ist die „Sternblume“, eine Blume, die eben
auch noch blüht, wenn es kalt und finster wird. Und deren strahlenförmige
Blütenblätter - ähnlich tapfer wie die Sternlein am blauen Himmelszelt – auch
noch in totgesagten Parks und dunkler werdenden Gärten leuchten.
Jetzt, in der Weihnachtszeit, sind Sterne
in ihrer ganzen großen Zahl allgegenwärtig. Nicht nur weil es länger dunkel ist
und die Sterne daher viel länger zu sehen sind als sonst, sondern weil es den
Stern gibt, den einen, den nie vorher gesehenen Stern.
Und wir brauchen diesen Stern gerade
jetzt. If you follow the star, heißt es in unserem Lied, „wenn du dem
Stern folgst“, dann wirst du Licht, Liebe, Kraft und Stärke selbst in deiner
dunkelsten Stunde erfahren. (...that gives you strength in your darkest hour).
Und wenn der Stern dort leuchtet, wo es
dunkel ist, und die Hoffnung auf ihn, nein, besser noch der Glaube an
ihn, dort aufschimmert, wo Angst ist, dann wird vielleicht deine dunkelste
Stunde zu einer Sternstunde.
* * * * * * *
Eine Sternstunde ganz anderer Art erlebt
Wilhelm Meister in Goethes gleichnamigem Roman, als er die Sternwarte eines
Astronoms hinaufklettert, und „allein auf die völlig freie Fläche eines runden
hohen Turmes“ hinaustritt:
„Die heiterste Nacht, von allen Sternen
leuchtend und funkelnd, umgab den Schauenden, welcher zum erstenmale das hohe
Himmelsgewölbe in seiner ganzen Herrlichkeit zu erblicken glaubte. Denn im
gemeinen Leben, abgerechnet die ungünstige Witterung, die uns so oft den
Glanzraum des Äthers verbirgt, hindern uns zu Hause bald Dächer und Giebel,
auswärts bald Wälder und Felsen, am meisten aber überall die inneren
Beunruhigungen des Gemüts, die, uns alle Umwelt mehr als Nebel und Misswetter zu
verdüstern, sich hin und her bewegen.“
Und so geht es uns schließlich auch
manchmal, wenn wir versuchen, unserem Stern, unserer Berufung, unserem Ziel,
unserem Glauben, zu folgen: Oft sehen wir gar nicht, was wir da genau vor Augen
haben, weil uns „innere Beunruhigungen“ umtreiben und unser Gemüt „verdüstern“,
wie es bei Goethe heißt. Wie oft sehen wir Sternchen, aber nicht den Stern.
Wilhelm Meister geht es ähnlich, benommen
hält er sich die Augen zu: „Was bin ich gegen das All?“ sagt er.
Diese Verlorenheit, die eigene
Beliebigkeit, seine im ganz wörtlichen Sinne Gleich-Gültigkeit angesichts des
funkelnden Nachthimmels wird Wilhelm Meister offenbar und erschreckt ihn. Ein
unermesslich kalter und unbewohnter Himmel klafft über ihm wie ein Abgrund. Dies
ist nicht das gemütliche, blaue Himmelszelt, in dem Gott alles gezählet hat und
auch dich kennt und dich lieb hat.
Doch Wilhelm fängt sich, wendet sich nach
innen und nimmt die Erhabenheit des Sternhimmels zum Anlass, sich und seine
Werte zu überprüfen. Und er erkennt, dass selbst sein winzig kleiner Beitrag zur
kosmischen Harmonie ebenso wenig fehlen darf wie das schwächste Sternlein aus
unserem Abendlied.
Irgendwann schläft Wilhelm ein, doch dann
will ihm der Astronom den Morgenstern zeigen.
„Geweckt von dem Sternkundigen sprang
Wilhelm auf und eilte zum Fenster; dort staunte, starrte er einen Augenblick,
dann rief er enthusiastisch: ‚Welche Herrlichkeit! Welch ein Wunder!’ Andere
Worte des Entzückens folgten, aber ihm blieb der Anblick immer ein Wunder, ein
großes Wunder.“
Und der Astronom erwidert darauf:
„’Daß Ihnen dieses liebenswürdige Gestirn,
das heute in Fülle und Herrlichkeit wie selten erscheint, überraschend
entgegentreten würde, konnt ich voraussehen, aber das darf ich wohl aussprechen,
ohne kalt gescholten zu werden: kein Wunder seh’ ich, durchaus kein Wunder!’
‚Wie könnten Sie auch?’ versetzte Wilhelm‚ da ich es mitbringe, da ich es in mir trage, da ich nicht weiß, wie mir
geschieht.’“
Das Gefühl von Verlorenheit angesichts der
Sterne weicht zugunsten der Begeisterung für den einen Stern. Und mit ihm
erwacht das Bewusstsein, dass der Kosmos vielleicht nicht für den Menschen
gemacht ist, der Mensch aber eben auch nicht darin verloren geht! Gott, heißt es
in Psalm 147, „zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen“. (Genauso wie dich
selbst und deinen kranken Nachbarn auch.) Stern und Mensch, beide Teil der
göttlichen Schöpfung, könnten nicht weiter von einander entfernt sein und sind
sich doch für einen Moment so nah. Dieser Moment ist eine wunderbare Erfahrung,
„ein Wunder, ein großes Wunder“. (Der Schriftsteller James Joyce verwendet für
solche Momente übrigens den theologischen Begriff „Epiphanie“, was soviel heißt
wie „göttliche Erscheinung“).
Vielleicht ist der Morgenstern selbst kein
Wunder, aber das, was sein Anblick in uns auslöst, kann eines sein. Wir bringen
das Wunder mit, wir tragen es in uns. Und es bedarf nur eines Sterns zur
richtigen Zeit am richtigen Ort, damit es zu so einem Wunder kommt. Damit sein
Licht in uns scheinen kann, damit Gott darin ER-scheinen kann, unsere dunkelste
Stunde erhellt und sie zur Sternstunde macht.
Der Stern zu Bethlehem, der nie vorher
gesehene Stern, der Stern, der die Weisen zum Kind führte, war genau so einer.
An Weihnachten wird uns noch mal ganz klar, ja sternenklar, dass wir ihm getrost
folgen sollen, diesem Stern. Dass wir an ihn glauben können. Dass er für jeden
von uns leuchtet. Und zwar wirklich für jeden Einzelnen: nicht einer von uns
fehlet, trotz unserer ganzen großen Zahl.
(Katharina Hagena)
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