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Der nebenstehende Text von Katharina Hagena wurde als Andacht im Rahmen unseres Pfingstgottesdienstes am 29. Mai 2005 gelesen.

 

Wir danken ihr herzlich für ihre Mitwirkung und freuen uns, Sie auf ihre Bücher hinweisen zu können (bitte anklicken, um Details in einem neuen Fenster zu öffnen):

 

Was die wilden Wellen sagen - Der Seeweg durch den Ulysses, Katharina Hagena, marebuchverlag, Hamburg 2006 (ISBN 3-936384-92-4)

 

Der Geschmack von Apfelkernen, Katharina Hagena, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008 (ISBN 3-462039-70-9)

 

 


Feel the Spirit

 

(heißt das Motto unseres Gottesdienstes, und er steht noch im Zeichen des Pfingstfestes. An Pfingsten ereignete sich das Zungenreden, eine Art Sprachwunder, daher wollen wir heute ein bisschen über den Heiligen Geist und die Sprache, den Spirit und den Atem nachdenken)

 Feel the Spirit heißt es in unserem Lied, und übersetzen könnte man es mit der Aufforderung „spüre den Geist“. Aber vielleicht merken Sie selbst, dass es einen gewissen Unterschied gibt zwischen spirit und Geist, keinen gewaltigen Unterschied, eher einen Unterschied, der im Geiste der Wörter liegt.

Im „Heiligen Geist“ unserer Muttersprache schwingt für mich nicht nur die Kraft Gottes, sondern auch die gesamte deutsche Aufklärung mit, ihre Geisteswissenschaften und Geistesgrößen. Ein geistreicher Mensch ist nicht unbedingt ein spiritueller Mensch. Wunderbar ist es natürlich, wenn beide Eigenschaften sich harmonisch zusammentun, (wie es sich nun bei unseren drei Blankeneser Pastoren gerade auf so glückliche Weise fügt).

Verfolgen wir das Wort „Geist“ auf seine ältesten Ursprünge zurück, so haben wir indogermanisch *´gheisd, was so viel heißt wie „außer sich sein“, und in verwandten Formen kommen dann Bedeutungen vor wie „überirdisches Wesen“ und „Gemütsverfassung“. Ein einziges Wort also für Gespenst und Gedanke: das können wir auch heute noch nachvollziehen. Ja, manchmal sind die Gedanken selbst unsere eigenen Gespenster. Gedanken, die uns nachts heimsuchen und erst verschwinden, wenn der Morgen graut?

Von hier ist es dann nicht weit zu verwandten Wort-Formen, deren Bedeutungen sich schließlich in Richtung „zürnen“ „erschrecken“ oder „schauderhaft“ entwickeln. Doch wenden wir uns noch mal zurück zur allerersten Form, zum Außer-sich-Sein. Außer sich sein vor Zorn, das kennen wir alle zur Genüge. Doch das Pfingsterlebnis handelt von einem anderen Außer-sich-sein. Einem Außer-sich-Sein der Ekstase. Er handelt von Be-Geisterung!

 Die pfingstlichen Zungenredner waren also außer sich vor Begeisterung. Und statt sich wie bei einem Zornesausbruch zu verlieren und zu vergessen, alle Kommunikation gewaltsam zu kappen und von allen guten Geistern verlassen zu sein, so waren die Menschen hier ganz bei sich. Es fand eine großartige, ja wunderbare, Art der Kommunikation statt: Menschen redeten in Sprachen, die sie selbst nicht kannten und wurden verstanden von Menschen, die diese Sprachen genauso wenig kannten. (Wer hier Parallelen zu einem Gospelkonzert zu erkennen glaubt, liegt natürlich völlig falsch.)

Bleiben wir also noch ein bisschen bei den Sprachen, und wenn Sie das zum Gähnen finden, so wäre gerade das ein gutes Zeichen. Denn unser Wort gähnen ist tatsächlich mit dem Wort Geist verwandt: Etwas nämlich, das dazu führt, das wir Mund und Nase aufsperren. Also die unmittelbare Reaktion auf das Spüren des Geistes. Vom Gähnen ist es wiederum nur ein kleiner Schritt zu unserm Gospel Song Feel the Spirit.

Spirit nämlich kommt von spirare, atmen. (Eine gemäßigte Form des Gähnens also). Spirit ist nicht so abstrakt und vielleicht auch nicht ganz so erschreckend wie unser Geist. Göttlicher Atem weht uns an in den Gospel Songs, in den ´Spirituals, aber durchaus auch in deutschen geistlichen Liedern. Und sie in-spirieren wiederum uns.

 Und wie gut und wie angemessen, dass es Lieder sind, denn selten machen wir uns das Atmen so bewusst wie beim Singen. Singen ist für uns Menschen ein ganz unmittelbarer Ausdruck der Seele. Also hat der Atem auch etwas mit Seele zu tun. (Seele ist übrigens ein Wort, dessen Herkunft so unerforscht ist wie die Seele selbst). Wenn wir sterben, hauchen wir unsere Seele aus. Das Leben eines kleinen Kindes beginnt mit seinem ersten Atemzug. Großer Schmerz, Seelenpein, vermag uns die Kehle zuzuschnüren. Und  wir holen tief Luft, bevor wir etwas beginnen, das Kraft erfordert. Vor allem wenn wir es mit Leib und Seele betreiben wollen.

Für Goethe verbarg sich im Atemholen die „ewige Formel des Lebens“, und im West-Östlichen Diwan, jener dichterischen Seligsprechung der Menschen und der Welt, heißt es an einer Stelle:

„Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:

Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;

Jenes bedrängt, dieses erfrischt;

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich presst,

Und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt.“

(W.-Ö. D, „Talismane“, S. 10)

 Atem ist also nicht nur eine göttliche Kraft, sondern das Atmen selbst  auch eine Gnade Gottes!

Die Vorstellung, bei jedem Atemzug Gottes Geist, den spirit, in uns zu spüren, hat etwas Ermutigendes und Stärkendes. Nicht von ungefähr ist das Pfingstwunder, bei dem der Heilige Geist über die erste Christengemeinde kam, ein Erlebnis, das mit Ermutigung so eng verknüpft ist wie der Atem mit dem gesprochenen Wort.

 

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Geist oder spirit --

egal, wes Geistes Kind wir sind, holen wir also tief Luft, sperren wir Mund und Nase auf, lassen wir uns vom göttlichen Atem durchpusten und singen wir gemeinsam das Lied Gott gab uns Atem, ein Lied, das unseren Chorleiter auf ganz besondere Weise in-spiriert hat.

Und: Let’s feel its spirit!

 


(Katharina Hagena)




 

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