Der nebenstehende Text von Katharina Hagena wurde als Andacht im Rahmen unseres Pfingstgottesdienstes am 29. Mai 2005 gelesen.
Wir danken ihr herzlich für ihre Mitwirkung und freuen uns, Sie auf ihre Bücher hinweisen zu können (bitte anklicken, um Details in einem neuen Fenster zu öffnen):
(heißt das Motto unseres Gottesdienstes, und
er steht noch im Zeichen des Pfingstfestes. An Pfingsten ereignete sich das Zungenreden,
eine Art Sprachwunder, daher wollen wir heute ein bisschen über den Heiligen Geist
und die Sprache, den Spirit und den Atem nachdenken)
Feel the Spirit heißt es in unserem
Lied, und übersetzen könnte man es mit der Aufforderung „spüre den Geist“. Aber
vielleicht merken Sie selbst, dass es einen gewissen Unterschied gibt zwischen
spirit und Geist, keinen gewaltigen Unterschied, eher einen Unterschied,
der im Geiste der Wörter liegt.
Im „Heiligen Geist“ unserer Muttersprache
schwingt für mich nicht nur die Kraft Gottes, sondern auch die gesamte deutsche
Aufklärung mit, ihre Geisteswissenschaften und Geistesgrößen. Ein geistreicher
Mensch ist nicht unbedingt ein spiritueller Mensch. Wunderbar ist es natürlich,
wenn beide Eigenschaften sich harmonisch zusammentun, (wie es sich nun bei unseren
drei Blankeneser Pastoren gerade auf so glückliche Weise fügt).
Verfolgen wir das Wort „Geist“ auf seine ältesten
Ursprünge zurück, so haben wir indogermanisch *´gheisd, was so viel heißt wie „außer
sich sein“, und in verwandten Formen kommen dann Bedeutungen vor wie „überirdisches
Wesen“ und „Gemütsverfassung“. Ein einziges Wort also für Gespenst und Gedanke:
das können wir auch heute noch nachvollziehen. Ja, manchmal sind die Gedanken selbst
unsere eigenen Gespenster. Gedanken, die uns nachts heimsuchen und erst verschwinden,
wenn der Morgen graut?
Von hier ist es dann nicht weit zu verwandten
Wort-Formen, deren Bedeutungen sich schließlich in Richtung „zürnen“ „erschrecken“
oder „schauderhaft“ entwickeln. Doch wenden wir uns noch mal zurück zur allerersten
Form, zum Außer-sich-Sein. Außer sich sein vor Zorn, das kennen wir alle zur Genüge.
Doch das Pfingsterlebnis handelt von einem anderen Außer-sich-sein. Einem Außer-sich-Sein
der Ekstase. Er handelt von Be-Geisterung!
Die pfingstlichen Zungenredner waren
also außer sich vor Begeisterung. Und statt sich wie bei einem Zornesausbruch zu
verlieren und zu vergessen, alle Kommunikation gewaltsam zu kappen und von allen
guten Geistern verlassen zu sein, so waren die Menschen hier ganz bei sich. Es fand
eine großartige, ja wunderbare, Art der Kommunikation statt: Menschen redeten in
Sprachen, die sie selbst nicht kannten und wurden verstanden von Menschen, die diese
Sprachen genauso wenig kannten. (Wer hier Parallelen zu einem Gospelkonzert zu erkennen
glaubt, liegt natürlich völlig falsch.)
Bleiben wir also noch ein bisschen bei den
Sprachen, und wenn Sie das zum Gähnen finden, so wäre gerade das ein gutes Zeichen.
Denn unser Wort gähnen ist tatsächlich mit dem Wort Geist verwandt:
Etwas nämlich, das dazu führt, das wir Mund und Nase aufsperren. Also die unmittelbare
Reaktion auf das Spüren des Geistes. Vom Gähnen ist es wiederum nur ein kleiner
Schritt zu unserm Gospel Song Feel the Spirit.
Spirit nämlich kommt von spirare, atmen.
(Eine gemäßigte Form des Gähnens also). Spirit ist nicht so abstrakt und
vielleicht auch nicht ganz so erschreckend wie unser Geist. Göttlicher Atem weht
uns an in den Gospel Songs, in den ´Spirituals, aber durchaus auch in deutschen
geistlichen Liedern. Und sie in-spirieren wiederum uns.
Und wie gut und wie angemessen, dass
es Lieder sind, denn selten machen wir uns das Atmen so bewusst wie beim
Singen. Singen ist für uns Menschen ein ganz unmittelbarer Ausdruck der Seele. Also
hat der Atem auch etwas mit Seele zu tun. (Seele ist übrigens ein Wort, dessen Herkunft
so unerforscht ist wie die Seele selbst). Wenn wir sterben, hauchen wir unsere Seele
aus. Das Leben eines kleinen Kindes beginnt mit seinem ersten Atemzug. Großer Schmerz,
Seelenpein, vermag uns die Kehle zuzuschnüren. Und wir holen tief Luft, bevor
wir etwas beginnen, das Kraft erfordert. Vor allem wenn wir es mit Leib und Seele
betreiben wollen.
Für Goethe verbarg sich im Atemholen die „ewige
Formel des Lebens“, und im West-Östlichen Diwan, jener dichterischen Seligsprechung
der Menschen und der Welt, heißt es an einer Stelle:
„Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich presst,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt.“
(W.-Ö. D, „Talismane“, S. 10)
Atem ist also nicht nur eine göttliche
Kraft, sondern das Atmen selbst auch eine Gnade Gottes!
Die Vorstellung, bei jedem Atemzug Gottes
Geist, den spirit, in uns zu spüren, hat etwas Ermutigendes und Stärkendes.
Nicht von ungefähr ist das Pfingstwunder, bei dem der Heilige Geist über die erste
Christengemeinde kam, ein Erlebnis, das mit Ermutigung so eng verknüpft ist wie
der Atem mit dem gesprochenen Wort.
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Geist oder spirit --
egal, wes Geistes Kind wir sind, holen wir
also tief Luft, sperren wir Mund und Nase auf, lassen wir uns vom göttlichen Atem
durchpusten und singen wir gemeinsam das Lied Gott gab uns Atem, ein Lied,
das unseren Chorleiter auf ganz besondere Weise in-spiriert hat.