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Der nebenstehende Text von Katharina Hagena wurde als Andacht im Rahmen unseres Reformations-Gottesdienstes am 30. Oktober 2005 gelesen.

 

Wir danken ihr herzlich für ihre Mitwirkung und freuen uns, Sie auf ihre Bücher hinweisen zu können (bitte anklicken, um Details in einem neuen Fenster zu öffnen):

 

Was die wilden Wellen sagen - Der Seeweg durch den Ulysses, Katharina Hagena, marebuchverlag, Hamburg 2006 (ISBN 3-936384-92-4)

 

Der Geschmack von Apfelkernen, Katharina Hagena, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008 (ISBN 3-462039-70-9)

 

 


Take My Hand

 

Come on take my hand. Komm, nimm meine Hand.

In unserem Lied sagt dies ein Mensch zu einem anderen. Ein Christenmensch zum anderen Christenmenschen, um hier gleich mal einen lutherischen Ton anzuschlagen, heute, am Vorabend der Reformation.

Sicher hat jeder von uns diesen Satz schon einmal ausgesprochen. Komm, nimm meine Hand, sagen wir zu Kindern, wenn sie Stufen hinuntergehen, aus S-Bahnen stolpern, oder wenn wir sie auf eine Rolltreppe ziehen.
Oder sie sagen es zu uns. (Oder wir haben es früher, als wir selbst klein waren, zu einem Erwachsenen gesagt).

Wir nehmen auch gerne mal eine fremde Hand, wenn wir von irgendwo hinunter springen wollen, wenn uns die Vorstellung vom freien Fall für einen Augenblick zögern lässt. Oder wenn wir vom Land auf ein schaukelndes Boot hinüber wollen, wenn der feste Boden unter den Füßen gegen das unbeständige Element Wasser eingetauscht wird. Nicht dass wir nicht auch alleine hätten rüberspringen können, klar, aber gegen diese kurze Überwindung, die es uns manchmal kostet, wenn wir Schwellen überwinden wollen, hilft nichts so schnell und gut wie das Ergreifen einer Hand.

Die Schwelle, die es in unserem Lied zu überschreiten gilt, ist die größte, ist die Ur-Schwelle, nämlich die zwischen Leben und Tod. Komm nimm meine Hand, wir gehen hinüber ins gelobte Land (we’re going over to the promised land). Und das tut man ja erst, wenn das Leben hier auf der Erde zu Ende ist. Im Lied ist das ein sehr fröhlicher, leichter Gang. Aber eine Hand dabei in der Hand zu halten ist dennoch hilfreich.

 

Das Wort Hand kann abgeleitet werden von einem germanischen Wort für "ergreifen". Nicht von ungefähr ist "Handreichung" ein anderes Wort für eine kleine Hilfeleistung. Und schon eine kleine Handreichung kann dazu führen, dass wir schließlich ganz und gar ergriffen sind.
Denn manchmal beginnen unsere Hände eben da, wo die Sprache aufhört. Hände sprechen noch dort, wo wir selbst verstummen. Das ist beim Händedruck des Todkranken ebenso wie beim verstohlenen oder einfach nur hingerissenen Händchenhalten von Verliebten.

Im Hohenlied bleibt es nicht nur beim verliebten Händchenhalten, dort heißt es "Seine Linke liegt unter meinem Haupte und seine Rechte herzt mich". In dem einen Psalm greifen Hände beherzt in die Saiten der Instrumente, und in einem anderen sollen Gottes Engel Dich auf Händen tragen. Jesus heilt, indem er seine Hand auf den Kranken legt. Wir Menschen können uns in Gottes Hand begeben, aber Gottes Hand kann auch schwer auf uns liegen.

 

Ein Mensch, der sich ganz in Gottes Hand begeben hat und dadurch jedoch nicht unbedingt immer leichter zu tragen hatte, war Martin Luther.

Der jüdische und später protestantische Dichter Heinrich Heine beschreibt Luther als den "größten" und "deutschesten Mann unserer Geschichte". "Er war zugleich", sagt Heine, "ein träumerischer Mystiker und ein praktischer Mann in der Tat. Seine Gedanken hatten nicht nur Flügel, sondern auch Hände; er sprach und handelte."

Luthers Gedanken hatten Flügel und Hände.
Sie sind hochfliegend und handfest zugleich. In der Beschreibung Melanchtons, nach der Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg schlägt, sehen wir auf jeden Fall einen Mann, der nicht nur weiß, wo der Hammer hängt, sondern auch, wie man ihn handhabt. In den Thesen wendet sich Luther vehement gegen den Handel mit dem Ablass. Da er sich selbst in seinem Denken und Handeln treu bleibt, handelt er sich seinerseits wieder Händel mit dem Papst ein.

Und dann tat er noch etwas.
Eine Tat mit Flügeln und Händen:
Luther übersetzte die Bibel.

Mit der Feder in der Hand übersetzte er aus einer toten Sprache in eine Sprache, die eigentlich noch gar nicht lebte. Schließlich gab es überhaupt erst nach Luthers Übersetzung, nein, wegen ihr, so etwas wie eine deutsche Schriftsprache! Und nur wenige Jahre später waren – dank der Druckerpresse -schon tausende von Luther-Bibeln ins Volk geschleudert worden!

Übersetzen, und gerade das Übersetzen mit Flügeln und Händen, ist immer auch ein ÜBER-Setzen, ein Weg vom einen Ufer zu einem anderen Ufer. Und damit ist Übersetzen immer auch das Überschreiten einer Schwelle. Luther übersetzte vom Toten ins Lebendige. In unserem Lied, Come on Take My Hand, setzen wir vom Leben über zum Tod. Tatsächlich ist es dann doch anders herum: Das Leben, das ewige Leben, fängt nach dieser ÜBER-setzung, nach dem Überschreiten der Schwelle an der Hand eines Vertrauten, eigentlich erst an.

Ganz am Ende seines Lebens, auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, auf der Schwelle zwischen dem festen Land und dem schaukelnden Ungewissen, betet Martin Luther voller Vertrauen darauf, dass Gott ihm die Hand geben wird:
"Ob ich schon diesen Leib lassen und aus diesem Leben weggerissen werden muss, so weiß ich doch gewiss, dass ich bei dir ewig bleiben und aus deinen Händen mich niemand reißen kann."

Und Luthers Begleiter Justus Jonas berichtet, dass Luther schließlich kurz vor seinem Tod immer wieder einen Vers aus dem Psalm 31 betete, mit dem ich genau hier enden möchte:

"In deine Hände befehle ich meinen Geist, Du treuer Gott."

 

Lassen Sie uns jetzt das Lied XY singen.

Und dann soll unser Chorleiter Holger HANTke - mit seinen Händen und AUF dem Flügel -  (die Dinge wieder in die Hand nehmen oder was auch immer dann im Ablaufplan vorgesehen ist……)


(Katharina Hagena)




 

Handinneres   Worte aus Psalm 31
Rainer Maria Rilke, Aus dem Nachlass    


Innres der Hand. Sohle, die nicht mehr geht

als auf Gefühl. Die sich nach oben hält

und im Spiegel

himmlische Straßen empfängt, die selber

wandelnden.

Die gelernt hat, auf Wasser zu gehen,

wenn sie schöpft,

die auf den Brunnen geht,

aller Wege Verwandlerin.

Die auftritt in anderen Händen,

die ihresgleichen

zur Landschaft macht:

wandert und ankommt in ihnen,

sie anfüllt mit Ankunft.

 


Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!

Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

Du wolltest mich aus dem Netze ziehen, dass sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke.

In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.

[…]

Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not

und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.

[…]

Meine Zeit steht in deinen Händen.




 

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