Der nebenstehende Text von Katharina Hagena wurde als Andacht im Rahmen unseres Reformations-Gottesdienstes am 30. Oktober 2005 gelesen.
Wir danken ihr herzlich für ihre Mitwirkung und freuen uns, Sie auf ihre Bücher hinweisen zu können (bitte anklicken, um Details in einem neuen Fenster zu öffnen):
In unserem Lied sagt
dies ein Mensch zu einem anderen. Ein Christenmensch zum anderen
Christenmenschen, um hier gleich mal einen lutherischen Ton anzuschlagen, heute,
am Vorabend der Reformation.
Sicher hat jeder von
uns diesen Satz schon einmal ausgesprochen. Komm, nimm meine Hand, sagen wir zu
Kindern, wenn sie Stufen hinuntergehen, aus S-Bahnen stolpern, oder wenn wir sie
auf eine Rolltreppe ziehen.
Oder sie sagen es zu uns. (Oder wir haben es früher, als wir selbst klein waren,
zu einem Erwachsenen gesagt).
Wir nehmen auch gerne
mal eine fremde Hand, wenn wir von irgendwo hinunter springen wollen, wenn uns
die Vorstellung vom freien Fall für einen Augenblick zögern lässt. Oder wenn wir
vom Land auf ein schaukelndes Boot hinüber wollen, wenn der feste Boden unter
den Füßen gegen das unbeständige Element Wasser eingetauscht wird. Nicht dass
wir nicht auch alleine hätten rüberspringen können, klar, aber gegen diese kurze
Überwindung, die es uns manchmal kostet, wenn wir Schwellen überwinden wollen,
hilft nichts so schnell und gut wie das Ergreifen einer Hand.
Die Schwelle, die es
in unserem Lied zu überschreiten gilt, ist die größte, ist die Ur-Schwelle,
nämlich die zwischen Leben und Tod. Komm nimm meine Hand, wir gehen hinüber ins
gelobte Land (we’re going over to the promised land). Und das tut man ja
erst, wenn das Leben hier auf der Erde zu Ende ist. Im Lied ist das ein sehr
fröhlicher, leichter Gang. Aber eine Hand dabei in der Hand zu halten ist
dennoch hilfreich.
Das Wort Hand kann
abgeleitet werden von einem germanischen Wort für "ergreifen". Nicht von
ungefähr ist "Handreichung" ein anderes Wort für eine kleine Hilfeleistung. Und
schon eine kleine Handreichung kann dazu führen, dass wir schließlich ganz und
gar ergriffen sind.
Denn manchmal beginnen unsere Hände eben da, wo die Sprache aufhört. Hände
sprechen noch dort, wo wir selbst verstummen. Das ist beim Händedruck des
Todkranken ebenso wie beim verstohlenen oder einfach nur hingerissenen
Händchenhalten von Verliebten.
Im Hohenlied bleibt
es nicht nur beim verliebten Händchenhalten, dort heißt es "Seine Linke liegt
unter meinem Haupte und seine Rechte herzt mich". In dem einen Psalm greifen
Hände beherzt in die Saiten der Instrumente, und in einem anderen sollen Gottes
Engel Dich auf Händen tragen. Jesus heilt, indem er seine Hand auf den Kranken
legt. Wir Menschen können uns in Gottes Hand begeben, aber Gottes Hand kann auch
schwer auf uns liegen.
Ein Mensch, der sich
ganz in Gottes Hand begeben hat und dadurch jedoch nicht unbedingt immer
leichter zu tragen hatte, war Martin Luther.
Der jüdische und
später protestantische Dichter Heinrich Heine beschreibt Luther als den "größten"
und "deutschesten Mann unserer Geschichte". "Er war zugleich", sagt Heine, "ein
träumerischer Mystiker und ein praktischer Mann in der Tat. Seine Gedanken
hatten nicht nur Flügel, sondern auch Hände; er sprach und handelte."
Luthers Gedanken
hatten Flügel und Hände.
Sie sind hochfliegend und handfest zugleich. In der Beschreibung Melanchtons,
nach der Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg schlägt,
sehen wir auf jeden Fall einen Mann, der nicht nur weiß, wo der Hammer hängt,
sondern auch, wie man ihn handhabt. In den Thesen wendet sich Luther vehement
gegen den Handel mit dem Ablass. Da er sich selbst in seinem Denken und Handeln
treu bleibt, handelt er sich seinerseits wieder Händel mit dem Papst ein.
Und dann tat er noch
etwas.
Eine Tat mit Flügeln und Händen:
Luther übersetzte die Bibel.
Mit der Feder in der
Hand übersetzte er aus einer toten Sprache in eine Sprache, die eigentlich noch
gar nicht lebte. Schließlich gab es überhaupt erst nach Luthers Übersetzung,
nein, wegen ihr, so etwas wie eine deutsche Schriftsprache! Und nur wenige Jahre
später waren – dank der Druckerpresse -schon tausende von Luther-Bibeln ins Volk
geschleudert worden!
Übersetzen, und
gerade das Übersetzen mit Flügeln und Händen, ist immer auch ein ÜBER-Setzen,
ein Weg vom einen Ufer zu einem anderen Ufer. Und damit ist Übersetzen immer
auch das Überschreiten einer Schwelle. Luther übersetzte vom Toten ins
Lebendige. In unserem Lied, Come on Take My Hand, setzen wir vom Leben
über zum Tod. Tatsächlich ist es dann doch anders herum: Das Leben, das ewige
Leben, fängt nach dieser ÜBER-setzung, nach dem Überschreiten der Schwelle an
der Hand eines Vertrauten, eigentlich erst an.
Ganz am Ende seines
Lebens, auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, auf der Schwelle zwischen dem
festen Land und dem schaukelnden Ungewissen, betet Martin Luther voller
Vertrauen darauf, dass Gott ihm die Hand geben wird:
"Ob ich schon diesen Leib lassen und aus diesem Leben weggerissen werden muss,
so weiß ich doch gewiss, dass ich bei dir ewig bleiben und aus deinen Händen
mich niemand reißen kann."
Und Luthers Begleiter
Justus Jonas berichtet, dass Luther schließlich kurz vor seinem Tod immer wieder
einen Vers aus dem Psalm 31 betete, mit dem ich genau hier enden möchte:
"In deine Hände befehle ich meinen Geist,
Du treuer Gott."
Lassen Sie uns jetzt
das Lied XY singen.
Und dann soll unser
Chorleiter Holger HANTke - mit seinen Händen und AUF dem Flügel - (die Dinge
wieder in die Hand nehmen oder was auch immer dann im Ablaufplan vorgesehen
ist……)
(Katharina Hagena)
Handinneres
Worte aus Psalm 31
Rainer Maria Rilke, Aus dem Nachlass
Innres der Hand. Sohle, die nicht mehr geht
als auf Gefühl. Die
sich nach oben hält
und im Spiegel
himmlische Straßen
empfängt, die selber
wandelnden.
Die gelernt hat, auf
Wasser zu gehen,
wenn sie schöpft,
die auf den Brunnen
geht,
aller Wege
Verwandlerin.
Die auftritt in
anderen Händen,
die ihresgleichen
zur Landschaft
macht:
wandert und ankommt
in ihnen,
sie anfüllt mit
Ankunft.
Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden,
errette mich durch deine Gerechtigkeit!
Neige deine Ohren zu mir,
hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir
helfest!
Denn du bist mein Fels und
meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und
führen.
Du wolltest mich aus dem
Netze ziehen, dass sie mir heimlich stellten; denn du bist meine
Stärke.
In deine Hände befehle ich
meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.
[…]
Ich freue mich und bin
fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich
meiner an in Not
und übergibst mich nicht in
die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.